Wiedergeboren aus Gips

Wir kennen alle den Umstand eines gebrochenen Knochens. Ist der Bruch nicht übermäßig kompliziert, kann der Arzt letztlich nur eines tun: einen Gips anlegen. Ich hatte bisher das Glück, zweimal gegipst zu werden. Keine Sorge, ich habe mir nichts gebrochen, der Gips war aus künstlerischen Zwecken an mich gelegt worden. Beide Male war es eine Erfahrung, die mir viel über mein eigenes Wesen und das Wesen der Kunst näherbrachte.

Eine Körperkunst zu werden, verlangte viel von mir ab, denn ich durfte für eine gewisse Zeit keine Bewegung von mir geben. Atmen war das Einzige, was mir verblieb. Während meine Mutter und Künstlerin Diana Göttermann den Gips auf mich legte, konnte ich nichts anderes tun, als nach innen zu gehen und geduldig dem Kunstprozess beizuwohnen. Mein Vertrauen war ganz in den Händen jener Künstlerin, die genau wusste, was aus mir werden würde. Nach geraumer Zeit war es dann so weit: Ich wurde von meinem mittlerweile harten Panzer geschält. Die Vaseline, mit der ich vorher dick eingecremt wurde, machte die Schälung um einiges angenehmer.

Langsam und Stück für Stück warf ich meine zweite, hart gewordene Haut ab. Es war ein reinigendes Erlebnis. Der Gips, so schien mir, hatte alles Dreckige und Überflüssige an mir mitgenommen und für sich behalten. So wie manche Menschen sich Totes-Meer-Masken ins Gesicht klatschen, so hatte der Gips eine fast identische Wirkung. Meine Haut fühlte sich gut, sauber und gesund an. Die Zeit, in der ich gegipst wurde, hatte eine meditative Wirkung auf meinen Geist.

Völlig auf das Atmen reduziert zu werden und seinen Körper der Stille zu überlassen, hat eine heilende Qualität. Wenn wir nochmals das Bild des gebrochenen Knochens herbeiholen, so fällt mir heute auf, dass der Knochen einen Gipsverband bekommt, während eine gebrochene Seele den Gipsabdruck erhält, der dann zum Schluss eine Körperkunst sein darf. Kunst kann tatsächlich Balsam für die Seele sein.

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